Rückblick auf vier Grundschuljahre Inklusion

Vier Jahre lang wurden Kinder der Wiesentalschule und Kinder der Helen-Keller-Schule, Schule für Körperbehinderte und Schule für Geistigbehinderte, gemeinsam in einem Klassenverband unterrichtet. Die Klasse blieb die ganze Zeit über im Untergeschoss des Grundschulgebäudes, da dieser Teil über einen separaten Ein-/Ausgang verfügt und somit rollstuhlgerecht ist.  Nun ist das vierte Schuljahr bald vorbei. Damit auch Außenstehende sich einen Überblick über gelebte Inklusion an unserer Schule verschaffen können, hielt ich mit meinen beiden Kolleginnen Sabine Amann, Lehrerin der Wiesentalschule und Elisabeth Steinmeyer, Lehrerin der Helen-Keller-Schule, einen kleinen Rückblick über diese ganz besondere Zeit.

 Wie ist die Zusammensetzung der Klasse?

 S. Amann: Anfangs waren es vierzehn Kinder der Wiesentalschule und sechs Kinder der Helen-Keller-Schule, später verließ ein Schüler der Helen-Keller-Schule die Klasse, ein anderer Schüler der Regelklasse kam hinzu. Während die Helen-Keller-Schüler die „Tiger“ genannt wurden, waren es bei den Wiesentalschülern die „Bären“. Diese namentliche Unterscheidung...

... war einfach hilfreich, wenn es um unterschiedliche Aufgaben oder Tätigkeiten ging, ohne dass es zu einer Wertung oder Ausgrenzung kam.

 Wie ist der Personalschlüssel?

 E. Steinmeyer: Von der Wiesentalschule unterrichtet Frau Amann bis auf Religion und Sport alle Fächer in der Klasse. Ich bin seit zwei Schuljahren mit 18 Deputatsstunden an vier Tagen für die „Tigerkinder“ da, meine Kollegin Frau Knopf deckt mit sechs Stunden den fünften Tag ab. Die ersten beiden Schuljahre unterrichtete Andrea Kieninger, ebenfalls Lehrerin der HKS, in der Klasse. Hinzu kommen von der Helen-Keller-Schule eine weitere betreuende Kraft, die täglich anwesend ist und ein Fachlehrer (Physiotherapeut), der im Sportunterricht und in zwei zusätzlichen Stunden dabei ist. Im ersten Schuljahr unterstützte noch eine Ergotherapeutin mit einer Unterrichtstunde wöchentlich das Lernen.

 Ist der Personalschlüssel ausreichend?

S. Amann, E. Steinmeyer unisono: Er ist sehr gut!

Werden und wurden die Kinder in allen Fächern gemeinsam unterrichtet?

S. Amann: Anfangs ja, dann wurden je nach individuellem Bedarf gemischte Kleingruppen gebildet. Später wurde aufgrund unterschiedlicher Bildungspläne in den Fächern Mathe und Deutsch grundsätzlich getrennt unterrichtet. Gab und gibt es jedoch übergreifende Themen wie „Gedichte“, „Märchen“ oder „Buchpräsentationen“, dann wird gemeinsam unterrichtet, aber individualisiert begleitet. Bei gemeinsame Projekten wie das Musical „Die goldene Gans“ konnte jedes Kind erfahren: Ich bin wichtig. Gerade der Musikunterricht ist ein Fach, in dem sich die Kinder als eine Klasse erleben.

E. Steinmeyer: Dann gibt es da noch den gemeinsamen wöchentlichen Erzählkreis. Dieser ist für die „Tiger“ sehr wichtig, weil sie sprachliche Vorbilder von Kindern erleben. Auch wenn sie hier eher die Zuhörer sind, so probieren sie in der eigenen Lerngruppe, ihr Ausdrucksvermögen zu verbessern.

Wie hoch war / ist der zeitliche Aufwand für eure Zusammenarbeit?

S. Amann: Er ist extrem hoch. Absprachen in allen Bereichen müssen getroffen werden. Jede gemeinsame Unterrichtsstunde und Aktivität werden gemeinsam gut geplant, anschließend plant jeder Lehrer „seinen Unterricht“ noch einmal in Abstimmung auf die unterschiedlichen Schüler seiner Gruppe.

 E. Steinmeyer: Die Tigerkinder erhalten sehr ausführliche Schulberichte. Da fließen auch die Beobachtungen von Frau Amann ein, genauso wie meine Beobachtungen der Bärenkinder für Frau Amann wichtig waren und sind. Es ist ja nicht so, dass sich die eine nicht für die Schulkinder der anderen verantwortlich fühlt. Im Gegenteil, wir wissen beide, was jeweils in der anderen Lerngruppe vor sich geht und sind auch für beide Gruppen Ansprechpartner. Es herrscht ein Klima der Vertrautheit unter allen. Der Austausch zwischen Frau Amann und mir nimmt natürlich sehr viel Zeit in Anspruch.

Wie klappt das soziale Miteinander von Kindern mit und ohne Behinderungen?

S. Amann: Mittlerweile sehr gut, unvergleichbar. Wenn vier Jahre lang Kinder mit diesem Personalschlüssel und einer gleichen Grund- und Werteeinstellung unter den Lehrkräften gemeinsam beschult werden, dann klappt das auch. Ganz wichtig ist natürlich auch die Bereitschaft der Eltern beider Lerngruppen, das gemeinsame Lernen zu begleiten und zu unterstützen. Anfangs gab es verständliche Sorgen, ob das eigene Kind evtl. unterfordert oder überfordert würde. Als die Eltern jedoch erlebten, dass aufgrund von Differenzierung jedes Kind gefördert wird, verflüchtigten sich die Bedenken.

E. Steinmeyer: Während sich die Kinder im Klassenzimmer und auch bei Ausflügen oder Schullandheimaufenthalten als eine Klasse erleben, spielen sie jedoch auf dem Pausenhof getrennt. Trotzdem haben sich teilweise Freundschaften entwickelt, wenn Eltern das unterstützt und begleitet haben. Das ist in diesem Fall auch nötig, da die Tigerkinder größtenteils von außerhalb kommen.

Welche personalen und sozialen Kompetenzen wurden auf beiden Seiten gestärkt?

S .Amann, E. Steinmeyer: Selbstbewusstsein, Gesprächskultur, Konfliktlösung

Empfinden sich die Kinder der jeweils anderen Schule als anders, besser oder schlechter?

S. Amann: Ja, als anders, Kinder realisieren ihre Grenzen. Für die Regelschulkinder galt jedoch, eine größere Rücksichtnahme zu leben. Für sie sind Menschen mit einer Behinderung normal, sie gehören dazu. Damit ist auch das Ziel von Inklusion erreicht. Und das war nur möglich in dieser personellen Konstellation.

E. Steinmeyer: Im Klassenleben gibt es Bereiche, in denen jegliche Unterschiede entfallen. So zum Beispiel bei der vierzehntägigen Verteilung der Klassendienste. Diese sind so aufgeteilt, dass jedes Kind einen Dienst versehen muss und jeder Dienst ist gleich wichtig. Da gibt es auch Dienste, die es in anderen Klassen nicht gibt, zum Beispiel der Dienst des „Stuhlebringers“.

Konntet ihr allen Kindern bzgl. ihres Entwicklungsstandes und ihrer Möglichkeiten gerecht werden?

S. Amann: Es ist generell eine große Herausforderung, allen SchülerInnen gerecht zu werden. Man ist immer auf dem Weg zum Ziel.

E. Steinmeyer: Wichtig war uns, jeden einzelnen Inklusionsschüler immer wieder in Augenschein zu nehmen, um zu sehen, ob der Förderort (in diesem Fall die Inklusionsklasse) noch den Bedürfnissen der Kinder entsprach. Dazu war nicht nur ein reger Austausch im Team, sondern auch mit den Eltern notwendig. Zu beobachten war auch, dass die Inklusionsschüler gerade in praktischen Dingen (z. B. Anziehen, Ordnung in der Garderobe) ihre Mitschüler als Vorbilder nutzten und sie keinen Input von außen benötigten. Auch das zeigt, dass Inklusion ein Gewinn ist.

Bedeutet Inklusion ein Nachteil für leistungsstarke Kinder?

S. Amann: Ganz im Gegenteil. Sie werden herausgefordert, ihre Leistung und ihr Wissen zu teilen, es anderen zu vermitteln. Abgesehen von der sozialen Kompetenz verfestigen sie dadurch das Gelernte.

Was ist eure Schlussessenz? Macht Inklusion Sinn?

E. Steinmeyer: Ja, diese Inklusion hat Sinn gemacht. Mit diesen personalen und räumlichen Gegebenheiten und der Medienausstattung hatten wir sehr gute Voraussetzungen, die Inklusion so zu leben.

Welches Anliegen würdet ihr dem Kultusminister bzgl. Inklusion vortragen?

S. Amann: Stocken Sie den Personalschlüssel für die Gemeinschaftsschule so auf, wie er in der Inklusionsklasse dieser Schule war, damit jedes Kind seinen Interessen und Fähigkeiten entsprechend gefördert werden kann.

Wird es im kommenden Schuljahr erneut eine Inklusionsklasse geben?

S. Amann: Nein, weil wir eine Gemeinschaftsschule sind und Inklusionskinder in jeder Klasse der Gemeinschaftsschule aufgenommen werden.

Euch beiden einen ganz herzlichen Dank dafür, dass ihr euch Zeit genommen habt, um Leser unserer Homepage über eine Inklusionsklasse, wie sie in der Praxis aussehen kann, zu informieren. Vielleicht liest ja auch der Kultusminister diesen Beitrag. Hoffen wir, dass alle Kinder dieser Klasse ihren weiteren schulischen Weg innerlich gestärkt und mit Freude an ihrer neuen Schule fortsetzen können!

Anne Wenner

Das Interview fand im Juli 2014 statt.

 

 

 

 

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